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Manchmal kommt es anders...

Irgendwie kommt mir alles so unwirklich vor, so als ob ich das alles nur geträumt hätte. Aber wenn ich mir kurz mit den Zähnen in den Pelz zwicke und sehr wohl den Schmerz spüre, dann muss ich wohl annehmen, dass ich mich durchaus in der Realität befinde!

Aber vielleicht sollte ich mich zunächst einmal vorstellen: Mein Name ist Carlo, und ich bin ein pechschwarzer, gutgebauter und sehr schön anzusehender Hauskater (ja ich weiß, man sollte sich nicht selber loben, aber es muss halt einfach mal gesagt werden!).

Ich bin inzwischen schon acht Jahre alt, und man könnte sagen, dass ich viel rumgekommen bin. Nicht dass ich immer auf der Straße gelebt hätte, so wie in den letzten Monaten - nein! Ich hatte durchaus ein Daheim!

Ich lebte bei einer Familie mit einem Kind und einem Vogel. Jawohl, einem Vogel. Im Lauf der Jahre waren wir oft umgezogen, so dass ich mein Revier immer wieder wechseln musste, was nicht immer einfach war. Aber ich hatte es stets geschafft, mir mein Territorium neu zu erobern.

Auch mit den Bedingungen im Haus war ich ganz zufrieden. O.k., das Kind nervte zu Anfang ein wenig - wie halt Kleinkinder so sind - aber wenn es mir zu bunt wurde, ging ich halt einfach ein wenig auf die Rolle. Man ließ mir ja meine Freiheiten. Mit dem Vogel verstand ich mich auch ganz gut. Wir kannten uns schließlich von klein auf und ich sah niemals eine Beute in ihm, sondern eher einen Kumpel. Er setzte sich des öfteren auf meinen Rücken und wir marschierten dann gemeinsam durch die Bude.

Die Menschen versorgten mich gut mit allem was ich brauchte (wie meinem gut gebauten Körper unschwer anzusehen war, brauchte ich nie hungern). Und wenn auch zu keiner Zeit ein allzu inniges Kuschelverhältnis zwischen uns bestand, so war unsere Beziehung schon ganz o.k. Sonst wäre ich ja auch nicht all die Jahre trotz der dauernden Ortswechsel bei ihnen geblieben.

Bis sie dann im Frühjahr dieses kleine Fellknäuel anschleppten, dem ich absolut nichts abgewinnen konnte. Sie nannten es "Oskar" und erklärten mir, dass ich mein Haus künftig mit dieser kleinen Nervensäge zu teilen hätte. Ich dachte zwar gleich, ich höre nicht recht, hielt aber mein Empörung zunächst zurück. Erst mal abwarten, dachte ich mir, ob sie das wirklich ernst meinen. Und selbst wenn: Es bestand ja immer noch die Möglichkeit, dass der kleine Quälgeist von selbst abhauen würde, wenn ich ihm zeigen würde, wo es lang ging!

Doch weit gefehlt! Alle paar Minuten stürzte sich dieses Vieh über mich und meinte, mir beibringen zu müssen, worin die Freude am Spielen besteht! In den ersten Tagen ging es ja noch, da war Oskar fast noch kleiner als ich. Aber das änderte sich von Tag zu Tag! Ich hatte noch nie ein Fellknäuel gesehen, was so schnell wuchs und so kräftig war! Hätten sie mir nicht einfach ein süßes und anheimelndes Katzenmädchen ins Haus bringen können? Schönen Frauen konnte ich schließlich noch nie widerstehen! Aber nein, es musste ja ein Exemplar aus der verabscheuungswürdigen Gattung "Hund" sein! Und dann auch noch eines, was aus einer langen Generation von Hütehunden hervorging.

Ebenso wie seine Körpergröße wuchs auch mein Entsetzen von Tag zu Tag. Und im selben Verhältnis schrumpfte die Hoffnung, dass dieses ungestüme Wesen eines Tages Vernunft annehmen und umgänglich werden würde. Wann immer mich dieser Zottel erblickte, stürzte er sich vor Freude kläffend auf mich, so dass ich beschloss, mich künftig öfter draußen aufzuhalten, als ich es bis dahin zu tun pflegte.

So entfremdete ich mich allmählich von meinem Zuhause und von meinen Menschen (die sowieso nur noch Augen für dieses Riesenbaby hatten), und es kam wie es kommen musste: Eines Tage verließ ich das Haus - fest entschlossen, niemals wieder zurückzukommen!

Ich kannte mich ja aus, auf der Straße. Würde schon nicht so schwer sein, sich durchzuschlagen. Und wenn schon - schlimmer als ein Zusammenleben mit diesem zotteligen Riesen könnte es auch nicht sein, oder?

Ich ging also auf Wanderschaft. Wenn die Mäuse mal etwas dünner gesät waren, dann stahl ich mich in den einen oder anderen Garten, wo ich von weitem ein Schälchen aufblitzen sah und verköstigte mich auf diese Weise. Ab und an ließ ich mich auch mal von einem offen stehenden Küchenfenster einladen, hineinzuspringen und mich rasch an der einen oder anderen Köstlichkeit zu bedienen. Kurz: Es fand sich immer irgendeine Gelegenheit.

Gesundheitsmäßig ging es mir auch nicht schlecht, denn meine Menschen hatten mich schließlich regelmäßig impfen lassen, was die günstigsten Voraussetzung für ein Leben auf der Straße war. Und da ich bereits seit langem meiner Männlichkeit beraubt war, gab es auch keine allzu schlimmen Kämpfe mit den reviereigenen Katern. Ich stellte ja keine große Gefahr dar. War mir auch ganz recht so, denn aus den wilden Jahren war ich bereits rausgewachsen. Ich war eben eher der gemütliche Typ.

So lief eigentlich alles ganz gut, wenn nicht irgendwann dann allmählich der Winter eingebrochen wäre. Ich stromere gerne durch die Gegend, aber wenn ich mich dann zwischendurch ausschlafen möchte, dann bevorzuge ich doch ein ruhiges, warmes Plätzchen. Das findet sich jedoch nicht leicht, wenn die ungemütliche Jahreszeit beginnt. Und wenn man es findet, ist es allzu oft bereits besetzt.

Je kälter und ekliger es draußen wurde und je mehr sich auch das Nahrungsangebot reduzierte, um so mehr sehnte ich mich nach meinem Zuhause. Waren das noch Zeiten, als mir mein Zuhause jederzeit eine Zuflucht war, ein sicherer Ort, an dem ich meine Ruhe hatte, mich satt essen konnte und immer ein lauschiges Plätzchen fand!!! Warum mussten sie nur diese Nervensäge anschleppen!?! Alles war doch so schön bis dahin!

Und nun war auch noch Weihnachten! Ich dachte an all die Weihnachtsfeste, die ich mit meiner Familie gefeiert hatte. An meinen alljährlichen Festschmaus, den sie mir stets serviert hatten, an die Gemütlichkeit im Haus, an die Kugeln am Weihnachtsbaum, mit denen ich immer ein kleines Spielchen gewagt hatte, wenn gerade niemand hinsah, an die Freude beim Geschenkeauspacken, wenn ich dann mit dem Papier und den schönen bunten Bändern spielen durfte. Und ich dachte an die Streicheleinheiten am Abend - o.k., es hielt sich in Grenzen, ich bin ja auch nicht so der Kuscheltyp, aber so gar keine Streicheleinheiten mehr, das ist echt auch nicht das Wahre!

Völlig in mein Selbstmitleid vertieft und vor mich hin sinnierend, hatte ich unter diesen Überlegungen ganz unbemerkt die Richtung in die alte Heimat eingeschlagen. Muss wohl an den vielen Erinnerungen gelegen haben. Jedenfalls stand ich plötzlich am Zaun des alten Nachbargrundstückes.

Nur mal reinschauen, dachte ich, nur ganz kurz! Mit einem geübten Satz sprang ich über den Zaun und tapste ganz vorsichtig in Richtung Terrassentür. Eigentlich hatten sie die Rolläden abends immer geschlossen, aber zur Weihnachtszeit ließen sie sich gern den Blick nach draußen, auf den im Glanz einer Lichterkette leuchtenden Tannenbaum frei. Ich musste also vorsichtig sein, dass sie mich im Lichtschein nicht sahen! Sie sollten schließlich nicht denken, ich sei reumütig zurückgekehrt!

Ich schlich mich also an der Hauswand entlang und spähte vorsichtig um die Ecke zum Fenster hinein. Da saßen sie - in einer Runde auf dem Boden - und wickelten ihre Geschenke aus. Und plötzlich packte es mich: Das Heimweh traf mich derart überwältigend, dass ich ohne recht zu überlegen an der Scheibe kratzte und laut miaute.

Es war das Riesenbaby (was nebenbei bemerkt inzwischen noch viel riesiger geworden war), das mich zuerst erspähte. Oskar erhob sich sogleich von seinem Ruheplatz nicht weit vom Terrassenfenster, kam herüber und kläffte mich kurz durch die Scheibe an. Dann wurden auch meine Menschen aufmerksam und wollten nachsehen, wer dort draußen vor der Scheibe saß.

Meine ehemalige Tütenschlitzerin rief ganz aufgeregt: "Ich fass es nicht! Es ist Carlo!!", und öffnete mir sofort die Terrassentür. Oskar kam herausgestürzt, schnüffelte kurz an mir und schlabberte dann freudig mit seinem riesigen Waschlappen über mein Gesicht.

Igitt, dachte ich kurz, war aber doch irgendwie angerührt von der Begrüßung - das musste an Weihnachten liegen, da ist man eben doch etwas gefühlsduselig und sentimental.

Na ja, was soll ich noch sagen? Sie freuten sich eben alle riesig, dass ich wieder daheim war. Meine Menschen faselten dauernd etwas von "...nach so langer Zeit...", "...wir haben nicht mehr geglaubt, dass Du noch lebst...", "...wir hatten die Hoffnung schon aufgegeben..." und so weiter.

Seitdem ist nun eine Woche vergangen, und meine Menschen sind gerade aufgebrochen, um mit ihren Freunden Silvester zu feiern.
Und der Zottel? Scheint, als hätte er schließlich doch noch Vernunft angenommen.
Seine Größe ist zwar inzwischen wirklich furchteinflößend, aber er stürzt sich nicht mehr gnadenlos auf mich. Er kläfft auch nicht mehr jedes Mal, wenn er mich sieht. Und Ihr werdet es nicht glauben: Gerade im Moment liegen wir hier zu zweit auf seiner Decke! Er ist extra ein wenig zur Seite gerückt, damit ich genügend Platz habe. Wir wollten eigentlich noch ein Schläfchen halten, bevor es draußen mit der Ballerei losgeht... Aber ich muss dauernd darüber nachdenken, wie froh ich bin, dass ich wieder daheim bin!

Na ja, und wenn ich dann befürchte, es könne alles nur ein schöner Traum sein, zwicke ich mich eben mal kurz, um sicher zu gehen, dass es wirklich wahr ist!
Und dann freue ich mich auf das neue Jahr, das vor der Tür steht. Vielleicht wird aus Oskar und mir ja doch noch ein richtig gutes Gespann...

© Birgit Lötzerich, www.katzeninfo.com
(Abdruck ohne Genehmigung der Verfasserin untersagt!)

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