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Alles eine Frage der Priorität...

Es war kurz vor Weihnachten. Draußen schneite es heftig und die Dämmerung hatte längst eingesetzt. Mit einer heißen Tasse Tee neben sich auf dem Schreibtisch saß Michael an seinem Computer, wie so oft in letzter Zeit. Na ja, er hatte sich eben mächtig hineinzuknien, wenn er seine Doktorarbeit bald fertig bekommen wollte. Und er hatte da so seine Vorstellungen, was die Definition des Wortes "bald" anging! Da blieb nicht viel Zeit für andere Dinge. Um genau zu sein, eigentlich gar keine.

Es war ewig her, dass er sich zum Beispiel die Zeit genommen hatte, mit ein paar Freunden auszugehen oder dass er mal im Kino gewesen war. Und normalerweise dachte er auch nicht darüber nach, aber heute...heute war ihm doch ein wenig komisch zumute. Weihnachten stand vor der Tür - das Fest der Familie. Seine Familie war weit weg, und er hatte seinen Eltern mitgeteilt, dass es ihm nicht möglich war, in diesem Jahr Weihnachten in seinem Elternhaus zu verbringen. Klar, es tat ihm leid, dass seine Mutter ein wenig traurig darüber war, aber die Arbeit ging halt zur Zeit einfach vor.

Hhm - als er so darüber nachdachte, wurde ihm bewusst, dass er in gewisser Weise bereits ein wenig vereinsamt war. Es war schon eine Weile her, dass er in dieses Haus gezogen war, und die Leute aus der Nachbarschaft hatte er bisher nicht kennengelernt, denn er hatte ja nur seine Arbeit im Kopf. Wie sagt man doch gleich: Zeit ist Geld. Und wenn man etwas erreichen will im Leben, dann muss man eben Prioritäten setzen, oder etwa nicht?

Trotzdem, so kurz vor Weihnachten... Irgendwie erschien da alles in einem anderen Licht. Er seufzte und erhob sich aus seinem ledernen Schreibtischstuhl. Er ging zum Fenster und sah auf die Straße hinaus. Überall in den Fenstern schimmerte die Weihnachtsbeleuchtung. Es schien so, als ob das seine das einzige weit und breit war, welches nicht erleuchtet war. “Irgendwie trostlos,” dachte er, als er sich im Zimmer umblickte. Daheim bei den Eltern war das Haus immer anheimelnd dekoriert zur Weihnachtszeit.

Michael beschloss, für einen Augenblick auf die Terrasse hinauszugehen, um den Lichterglanz zu genießen. Draußen wehte ein kalter Wind, und es war eigentlich ganz still, wären da nicht ein paar Häuser weiter ein paar Teenager gewesen, die lachend auf der Straße herumtollten. Aber Michael beachtete sie nicht weiter, denn irgend etwas anderes hatte seine Aufmerksamkeit erregt. Dort drüben neben der Terrasse, hatte sich da nicht eben etwas bewegt?

Da! In der Dämmerung erkannte Michael eine zierliche, bunte Katze. Neugierig kam sie auf Michael zu. Er wollte sich gerade bücken, um sie vielleicht zu streicheln, wenn sie nahe genug herankäme, als ihn plötzlich und unerwartet einige laute Schläge zusammenfahren ließen. Es klang wie eine Salve von Kanonenkugeln!
Die Kids auf der Straße waren derweil näher gekommen und hatten fast unmittelbar vor dem Nachbarhaus einige Silvesterknaller losgelassen, die bereits im Supermarkt um die Ecke verkauft wurden. Sie machten sich einen Spaß daraus, dass die ganze Straße im Schall der Feuerwerkskörper hallte.

Als Michael den Schreck überwunden hatte, wurde ihm klar, dass er nun ein Problem hatte: Die Katze hatte sich nämlich genauso erschreckt wie Michael und war schnurstraks durch die offene Terrassentür in Michaels Appartement geflüchtet, und dort unter dem Sofa verschwunden. Michael beschloss, zunächst einmal die Türe zu schließen, da die Knallerei dort draußen noch kein Ende zu finden schien. Es sollte sich erst einmal in Sicherheit wägen, das Kätzchen, dann würde es schon wieder unter dem Sofa hervorkommen.

Doch weit gefehlt! Die Katze schickte sich keineswegs an, ihren Zufluchtsort wieder zu verlassen. Alles Locken wollte da nicht helfen. “Na prima,” sagte Michael resignierend zu der Katze hin. “Das hab ich nun von meinen Grübeleien! Ich müsste dringendst arbeiten, und statt dessen liege ich hier unter dem Wohnzimmertisch und versuche, eine völlig fremde Katze hervorzulocken! Es gefällt Dir wohl unter meinem Sofa, was?” Michael musste zugeben, dass die Katze ihm gefiel. Sie hatte überwiegend weißes Fell, welches vereinzelt mit roten und schwarzen Tupfen geziert war. Irgendwo hatte er mal gehört, dass dreifarbige Katzen immer weiblich sind, und so schmunzelte er, als er zu der Katze sagte: “Na dann - willkommen in meiner Junggesellenbude, kleines Mädchen! Du bist seit meinem Einzug hier das erste weibliche Wesen, das mich besucht!”

Draußen war es inzwischen wieder ruhig geworden, und während Michael noch so unter dem Tisch liegend mit der Katze plauderte, hörte er draußen eine Stimme rufen: "Kessy, meine Kleine, wo bist Du nur?!" Schnell kroch er unter dem Wohnzimmertisch hervor und eilte zur Terrassentür. Draußen vor dem Haus lief eine junge Frau aufgeregt über die Straße und rief immer weiter nach ihrer Kessy. "Entschuldigung", unterbrach Michael sie. "Suchen Sie vielleicht eine kleine bunte Katze?" "Ja", sagte die junge Frau, "haben Sie sie gesehen? Sie hat panische Angst vor Feuerwerk, daher würde ich sie auch an Silvester niemals rauslassen, aber leider gibt es ja immer ein paar Kinder, die schon Tage vorher ihre Knaller loslassen!"

Michael schmunzelte und sagte der jungen Frau, dass sie Kessy unter seinem Sofa finden würde. Die junge Frau eilte herein und warf einen hoffenden Blick unter das Sofa. Erleichtert seufzend setzte sie sich auf den Teppich, nachdem sie festgestellt hatte, dass es sich tatsächlich um Kessy handelte. Dann berichtete sie Michael, dass sie erst vor einigen Wochen in das Haus nebenan gezogen sei. Kessy durfte sie natürlich in der ersten Zeit noch nicht rauslassen, da sie sich ja erst an die neue Umgebung gewöhnen musste. Doch seit ein paar Tagen war Kessy nun einfach nicht mehr zu halten. Sie wollte unbedingt ihr neues Revier erkunden, und so hatte die junge Frau ihr schließlich die Tür geöffnet.

"Aber, vielleicht darf ich mich erst einmal vorstellen, mein Name ist Sabine Reichhard", sagte sie und streckte Michael die Hand entgegen. "Freut mich, Sie kennenzulernen!", entgegnete er. "Ich heiße Michael Rauscher. Darf ich Ihnen vielleicht eine Tasse Tee anbieten, während Kessy sich wieder abregt?", grinste er die junge Frau an. "Das wäre sehr nett, denn mir ist schon etwas kalt geworden, bei der Suche nach Kessy!"

So verbrachten sie den Rest des Abends gemeinsam bei Tee und ein paar Knabbereien. Kessy war irgendwann unter dem Sofa herausgekrochen und hatte es sich bei Sabine auf dem Schoß bequem gemacht. Noch immer rauschte der Computer drüben auf dem Schreibtisch, aber Michael schien ihn offensichtlich ganz vergessen zu haben. Sie plauderten so angeregt, und es war einfach viel zu gemütlich, um jetzt an die Arbeit zu denken...

Als er Sabine und Kessy dann irgendwann zur Tür begleitet hatte, beschloss er, dass er die Arbeit nicht länger über sein Leben herrschen lassen wollte. Er musste dieser kleinen bunten Katze geradezu dankbar sein, dass sie im richtigen Moment auf seiner Terrasse erschienen war, um ihm bei dieser Entscheidung zu helfen. Das Leben war eine Zeitlang einfach so an ihm vorbeigerauscht. Er hatte sich nichts Schönes gegönnt, hatte seinen Freundeskreis vernachlässigt und wollte sich sogar schon Weihnachten versagen. Und wäre diese kleine Katze nicht gewesen, hätte er auch Sabine heute nicht kennengelernt, und das wäre doch sehr bedauerlich gewesen... Denn wer wußte schon, wie sich diese nette Bekanntschaft noch entwickeln würde...

So grinste er freudig vor sich hin, während er den Telefonhörer abnahm und die Nummer seiner Eltern wählte. "Hallo Mama", sagte er, "Du kannst das Gästezimmer herrichten, ich werde über die Weihnachtstage nun doch nach Hause kommen!"

© Birgit Lötzerich, www.katzeninfo.com
(Abdruck ohne Genehmigung der Verfasserin untersagt!)

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