Theo und die Arroganz

Der kleine Kater stakste gerade die sorgfältig freigeschaufelte Auffahrt hinauf, als Theo verschlafen von seinem Ruheplatz auf der Veranda aufblicke. Was will der denn hier, dachte er bei sich, war aber noch zu müde, um sich über den ungebetenen Besuch aufzuregen.

Der Kleine kam langsam aber dennoch zielstrebig auf das Haus zu. "Guten Tag!" sagte er ziemlich höflich für einen kleinen Katzenbengel. "Ich bin der Neue von Haus Nr. 10. Und ich wollte mal schauen, wer hier so in der Nachbarschaft lebt."

"Du bist wohl gar nicht neugierig, was?" brummte Theo, immer noch unwirsch über die Störung seines Nachmittagsschlafes. "Aber das eine sag ich Dir gleich: Ich steh nicht gerade auf Besuch in meinem Revier! Und schon überhaupt gar nicht auf unangemeldeten!"

"Tschuldigung," sagte der Kleine glucksend. "Ich dachte nur, es wäre nett, sich einander vorzustellen. Aber ich will natürlich nicht aufdringlich sein!" flötete er, drehte sich um und trabte stolz die Einfahrt wieder hinunter.

Katzengeschichte "Theo und die Arroganz"

Na ja, ein bisschen leid tat es Theo ja, dass er so abweisend war, aber da könnte ja jeder kommen und sein Reich inspizieren! So ging das schließlich nicht... Und wo kam der überhaupt her, der "Neue"? Haus Nr. 10 - hhm, waren das nicht die Schlömanns, die immer so freundlich waren, ihm ein bisschen Putenbrust auf die Terrasse zu legen, wenn selbige auf ihrem Speiseplan stand? Na großartig! Nun hatten die also einen kätzischen Untermieter, dann würde er sich seine Putenbrust von nun an wohl abschminken können. Und dann die dicke Eiche, die in Schlömanns Garten stand - sein Lieblingsbaum!!! Kein Baum weit und breit ließ sich soooo gut besteigen! Und an dem würde sich von nun an der kleine Lümmel sein Krallen wetzen... Das war ja wohl die Höhe!

Schließlich gehörte Schlömanns Garten in SEIN Revier! Er würde sofort durch den verschneiten Garten marschieren, um dem Bengel zu zeigen, dass hier kein Platz für ihn war. Der sollte sich gefälligst ein anderes Zuhause suchen, anstatt sich bei SEINEN Schlömanns einzunisten. Gab doch auch noch andere Straßen in diesem Stadtteil!

Entschlossen erhob sich Theo von seinem geschützten Holzbriefkasten und begab sich in das sanfte Rieseln der Schneeflocken. Jetzt wurde er auch noch nass! Alles wegen diesem Bengel! Was fiel dem eigentlich ein??

Er lief durch den Nachbarsgarten, am Haus der Funkes vorbei bis zur Gasse, denn die Hausnummer 10 lag auf der anderen Straßenseite. Majestätisch schritt Theo durch den Gartenzaun und hinterließ seine Pfotenabdrücke im Schnee, auf dem Weg zum Hauseingang. Je näher er kam, um so deutlich drang ein äußerst interessanter Geruch in seine empfindsame Nase. Nun, der Lümmel war es jedenfalls nicht, soviel stand fest! Während Theo noch grübelte, wer da so betörend riechen könnte, erblickte er die Antwort auf seine Frage schon im Küchenfenster:

Sie war das schönste Katzenmädchen, das Theo je gesehen hatte! Sie musste wohl zur Rasse der Birmakatzen gehören. Wow - Theo verschlug es den Atem....
Die Kinnlade war ihm bereits heruntergeklappt und er bot einen etwas dümmlichen Anblick, als ihn plötzlich "der Neue" grinsend von der Seite ansprach:
"Wie es aussieht, hast Du es Dir wohl anders überlegt, was? Wollen wir uns nicht doch einander vorstellen?" Theo hatte es nicht nur den Atem sondern auch noch die Sprache verschlagen. "Ich...ähhh...ich bin gekommen...um Dir zu sagen, dass...dass....” Er war noch immer so verzaubert von dem Anblick der Schönen, die er nicht eine Sekunde aus den Augen gelassen hatte, dass er es nicht fertig brachte, dem Kleinen die Meinung zu geigen.

"Also ich bin Pepino," flötete der Kleine munter weiter, "und das ist meine Mama, Serafina." Er deutete mit dem Kopf zum Fenster rüber. "Ich weiß, ich sehe ganz anders aus als sie, aber ich war auch so etwas wie ein Unfall..." berichtete Pepino verschmitzt.

Theo erlangte langsam seine Fassung zurück. "Nun ja, eigentlich..." stotterte er. "Ach was, vergiss es. Mein Name ist Theo. Willkommen in der Nachbarschaft. Es ist ja schließlich Weihnachten, das Fester der Liebe. Da sollte man Besucher und Neuankömmlinge nicht fortschicken! Bitte entschuldige, dass ich so unfreundlich war!"

"Schon gut!" trällerte Pepino. "Komm rein, ich stell Dich meiner Mama vor. Sie geht noch nicht gern vor die Tür, weil wir noch neu hier sind. Aber das legt sich bald!"
Pepino hüpfte voraus durch die frisch eingebaute Katzenklappe ins Haus der Schlömanns und winkte Theo, es ihm nachzutun.

"Na dann", dachte sich Theo, "scheint eigentlich ganz nett zu sein, der Knabe -
na ja, bei sooo einer Mutter!" Er putzte sich schnell noch einmal mit der Pfote über die Barthaare und rieb sich die Wangen, denn er wollte ja schließlich einen guten Eindruck hinterlassen bei Serafina!

© Birgit Lötzerich, www.katzeninfo.com
(Abdruck ohne Genehmigung der Verfasserin untersagt!)

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